Gehörst du auch zu denen, die die Dinge immer mit sich selber ausmachen?
Die alleine Lösungen für ihre Probleme finden. Die keine Schwäche zeigen wollen. Die immer alles perfekt machen wollen. Die sich fast schämen, wenn sie etwas nicht beantworten können. Die still leiden und sich nichts anmerken lassen.
Warum eigentlich?
Dieses Verhalten kann verschiedene Ursachen haben:
Aus Sicht der Bindungsforschung von John Bowlby entsteht es oft dann, wenn Menschen früh gelernt haben:
„Ich muss alleine klarkommen.“
„Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig.“
„Hilfe bekommen ist unsicher oder enttäuschend.“
„Gefühle zeigen macht verletzlich.“
Als Erwachsene kann das dann wie Stärke aussehen, ist aber oft auch ein Schutzmechanismus gegen Enttäuschung, Ablehnung oder Kontrollverlust.
Vor ein paar Wochen war ich am Ende meines Lateins
Mein Wanderretreat im Mai hatte noch zwei freie Plätze und es blieben nur noch wenige Tage bis zum Start. Also habe ich Freunde und Bekannte gebeten, meinen Post zu teilen.
Das klingt nach nichts. In Wirklichkeit hat es mich unendlich viel Überwindung gekostet.
Ganz viele haben sofort reagiert und geteilt. Ich war so gerührt – und gleichzeitig erschrocken, wie schwer mir dieser eine kleine Schritt gefallen war.

Warum es so schwer ist, um Hilfe zu bitten
Weil du irgendwann erfahren hast, dass du Hilfe gebraucht hättest – und sie nicht bekommen hast.
Dass du verlassen worden bist. Im Stich gelassen. Vielleicht sogar von den Menschen, die für dich hätten sorgen sollen.
Weil sich irgendwann in dir die Überzeugung festgesetzt hat: Du kannst dich auf andere nicht verlassen. Ich bin alleine.
Was die Psychologie dazu sagt: John Bowlbys Bindungsforschung zeigt, dass solche Muster früh entstehen – wenn verlässliche Unterstützung ausblieb, lernt das Gehirn: Hilfe erwarten ist riskant. Diese Muster sitzen tief. Aber sie sind veränderbar.
Es gibt aber nicht nur Bindungsgründe. Das Verhalten kann auch entstehen durch:
- starke Erwartungen an Leistung oder Selbstständigkeit,
- Erfahrungen von Kritik oder Beschämung,
- Parentifizierung („früh Verantwortung übernehmen müssen“),
- kulturelle Werte wie „Sei stark“,
- schlechte Erfahrungen mit Vertrauen.
Wichtig: Selbstständigkeit an sich ist nichts Negatives. Problematisch wird es eher, wenn jemand Hilfe bräuchte, sie innerlich aber kaum zulassen kann – selbst unter großer Belastung.
Wenn du viel zu früh erwachsen sein musstest
Wenn du viel zu früh Verantwortung übernehmen musstest. Wenn du viel zu früh Entscheidungen treffen musstest. Wenn du dich viel zu früh auf eigenen Beinen stehen musstest.
Dann ist die Frage nicht, ob du das konntest.
Klar konntest du es. Du hast es geschafft. Du hast es gemeistert.
Indem du keine Schwäche gezeigt hast. Indem du immer weiter gekämpft hast, immer weiter gegangen bist. Indem du immer schnell eine neue Lösung parat hattest.
Indem du deine Umgebung abgecheckt hast – weit im Voraus. Lauert da Gefahr? Könnte da etwas schiefgehen?
Indem du versucht hast, alles zu kontrollieren, damit du früh eingreifen kannst. Damit dir das nicht noch einmal passiert.
Indem du nie jemanden wirklich nahe an dich herangelassen hast.
Du warst die ganze Zeit in Alarmbereitschaft. Wie ein Wachhund. Gelauert, Ohren gespitzt.
Und dein Nervensystem ist dabei nie wirklich zur Ruhe gekommen. Du hast dich nie wirklich hingeben können. Nie wirklich vertraut.
Ein Trauma? Ja. Ein Trauma.
Das zeigt sich im Alltag – in ganz kleinen Momenten
Du kennst das bestimmt: Der Kollege bietet dir an, dir einen Kaffee von der Kantine mitzubringen.
Und du sagst: „Nein, danke, ich hole mir später einen.“
Nach dem Kurs das Lokal aufräumen und ein Teilnehmer fragt: „Kann ich dir etwas helfen?“
Und du sagst: „Nein, danke, das ist schnell erledigt.“
An der Teamsitzung sollst du ein Thema präsentieren, bist aber erkältet und körperlich nicht ganz fit. Deine Chefin fragt: „Sollen wir es auf nächstes Mal verschieben?“.
Und du sagst: „Nein, danke, es geht schon.“
Immer nein. Reflexartig nein. Nicht zur Last fallen wollen. Obwohl du eigentlich willst. Obwohl du vielleicht sogar dringend Hilfe bräuchtest.
Du hast nach außen immer die Starke gegeben. Die, die alles im Griff hat. Die auf eigenen Beinen steht und sich selbst hilft.
Und genau deshalb hast du auch keine Hilfe erhalten – weil niemand gesehen hat, dass du sie brauchst.
Was du jetzt tun kannst – konkret und klein
Keine zweihundert Stunden Psychotherapie. Keine große Aufarbeitung. Sondern kleine Schritte im Alltag.
Beim nächsten Mal: Sag Ja.
- Sag: „Ja, ich möchte gerne einen Kaffee.“
- Sag: „Ja, gerne, vielen Dank.“
- Sag: „Ja, mir wäre es lieber die Präsi zu verschieben.“
Du wirst merken: Die ganze Welt will dir helfen. Du musst sie nur lassen.

Du musst es nicht noch einmal beweisen
Du hast bewiesen, dass du es alleine kannst. Dass du auf eigenen Beinen stehst. Dass du niemanden brauchst. Dass du alleine überleben kannst.
Du musst es nicht noch einmal beweisen.
Du kannst die Waffen ablegen. Du kannst den Panzer ablegen. Du kannst das Schutzschild ablegen.
Du kannst dir erlauben, zu sein – ohne Rüstung, ohne Kontrolle.
Du kannst dir erlauben, diejenige zu sein, die du ganz innerlich, in deinem Kern, schon immer warst.
Wenn du heute einen einzigen Schritt machen willst:
- Beobachte dein automatisches Nein. Wann sagst du „kein Aufwand“ oder „ich komme schon klar“ – obwohl du eigentlich etwas anderes willst?
- Sag beim nächsten Mal Ja, nimm das Angebot an, – in einer kleinen, konkreten Alltagssituation. Schau, was passiert.
- Frag jemanden um Hilfe. Einmal. Nicht weil du musst, sondern um zu erleben, wie es sich anfühlt.
Das kostet Überwindung. Das ist nicht bequem. Das kostet Mut.
Aber nur wenn du dich der Situation stellst, machst du eine neue Erfahrung. Und neue Erfahrungen sind das Einzige, was alte Überzeugungen wirklich verändern kann.
Und so heilst du – in kleinen Schritten – dieses alte Muster. Gewinnst Vertrauen. Legst die Scham und die Angst ab.
Egal wie schwer es dir fällt: Mach es. Und lass dich überraschen, was dann möglich wird.
Wer schreibt hier?

Hej, ich bin Sandra. 2016 habe ich mir einen grossen Traum erfüllt und bin alleine nach Dänemark ausgewandert.
Als Karriere-, Führungs- und Persönlichkeitscoach, Ausbilderin und Kinesiologin unterstütze ich Menschen in der Mitte des Lebens bei beruflichen und privaten Veränderungen und Neustarts. Aus der Krise in die Kraft.
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